Was ist ein Universitätsstudium noch wert?
Ich forsche seit rund 25 Jahren zu technologiegestützten Innovationen für das Lernen. Und ja: Die heute so einfach verfügbare KI ist großartig. Sie beschleunigt, inspiriert, eröffnet neue Möglichkeiten. Gleichzeitig bringt sie einiges ins Wanken, das mir mindestens genauso wichtig ist: gründliches Lernen, wissenschaftliche Redlichkeit und die Frage, wofür ein Universitätsabschluss eigentlich noch steht.
Ein paar Beobachtungen machen mich unruhig.
Unter Akademiker:innen höre ich inzwischen Erleichterung, wenn die eigenen Kinder ein Handwerk lernen – bevorzugt Elektrik. Von einem Studium der Mathematik oder Informatik wird dagegen mitunter abgeraten. Das ist neu.
Ein Studium ist für viele ohne Nebenjob kaum finanzierbar. Wer direkt arbeitet, verdient früher Geld und sammelt Erfahrung. Umso berechtigter ist die Frage: Was bekommt man eigentlich für mehrere Jahre Studium zurück?
Meine Großen erzählen von Lehrveranstaltungen, in denen sie KI für Projektarbeiten einsetzen sollen – und danach das Gefühl haben, „eigentlich nichts richtig gelernt“, sondern sich etwas „zusammengepfuscht“ zu haben.
In einem meiner Lehrgänge unterstützt ein Claude-Skill auf Basis meiner eigenen Unterlagen beim Schreiben der Abschlussarbeit. Ich bin froh, dass mir das transparent gezeigt wurde: Ich erwarte mir jetzt Arbeiten, die die Kriterien vernünftig erfüllen. Die Prüfungen werden aber deutlich unangenehmer - wie soll ich sonst herausbekommen, was die Studierenden selbst geleistet, entschieden und formuliert haben?
Und natürlich betrifft das nicht nur Studierende. KI wird auch in Forschung und Publikationen eingesetzt – und auch dort wird damit gepfuscht. KI-generierte Bücher, erfundene Quellen und ein ohnehin problematisches Publikations- und Anerkennungssystem helfen der Glaubwürdigkeit der Wissenschaft nicht gerade. Auch Publikationen als Nachweis wissenschaftlicher Leistung verlieren an Aussagekraft.
Ausgerechnet jetzt drohen österreichischen Universitäten Einsparungen – möglicherweise genau dort, wo wir mehr Ressourcen brauchen: im Mittelbau, in der Betreuung, in der Lehre und bei der Entwicklung neuer Prüfungsformen.
Dabei geht es nicht um den Selbsterhalt der Universitäten. Bildung ist eine Voraussetzung für unabhängige Meinungsbildung und demokratische Gesellschaften. Und auch gute praktische Arbeit braucht Wissen, Verständnis und Urteilskraft.
Was also tun? Vieles – und zwar jetzt. Was muss künftig wie gelernt werden? Wie prüfen wir Kompetenz, wenn gute Ergebnisse jederzeit KI-unterstützt entstehen können? Wie sollen Forschung, Forschungsförderung, Publikationen und wissenschaftliche Anerkennung künftig funktionieren?
Indizien für die Veränderungen und damit verbundene Fragen werden auf Postgenerative.at adressiert. Und sie sind keine Nebensache. Sie betreffen den Kern dessen, was Universität in den nächsten Jahren ausmacht.
Wenn wir wollen, dass ein Universitätsabschluss auch künftig für etwas steht, brauchen wir dafür Menschen, Zeit, Regeln und Ressourcen. Ich möchte jungen Menschen wieder mit Überzeugung zu einem Studium raten können. Nicht, weil alles bleiben soll, wie es war. Ganz im Gegenteil.
Diese Wortmeldung von Sandra Schön ist lizenziert unter
CC BY 4.0

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